Kunsthalle

Keine Region verkörpert den amerikanischen Traum so sehr wie Kalifornien, der Golden State am Pazifik. Hollywood und Silicon Valley, Malibu und Disneyland, Palmen, Meer, ewig blauer Himmel. In den Hügeln von Santa Monica liegt auch die Villa Aurora — ein »wahres Schloss am Meer«, so Thomas Mann, der hier häufig zu Gast war. Als Exilresidenz von Marta und Lion Feuchtwanger war das Haus in den 1940er Jahren Treffpunkt für Persönlichkeiten wie Bertolt Brecht, Fritz Lang und Charlie Chaplin. Seit jeher ist die Villa europäisch geprägt; ein Ort des Transits, der auch transatlantische Differenzen und Widersprüche an die Oberfläche bringt.

Diese Tradition setzt sich in der Gegenwart fort: Seit 1995 beherbergt die Villa Aurora Stipendiatinnen und Stipendiaten aus den Bereichen Bildende Kunst, Komposition, Performance, Film und Literatur. Mit »Checkpoint California« feiert sie in der Deutsche Bank KunstHalle jetzt ihr 20-jähriges Bestehen. Die Ausstellung zeigt, wie der Ort mit seiner einzigartigen Atmosphäre die Stipendiaten immer wieder zu außergewöhnlichen und herausragenden Kunstwerken inspiriert hat.

In der Ausstellung werden ausgewählte Werke von neun Villa Aurora-Fellows präsentiert: Nairy Baghramian, Rosa Barba, Peggy Buth, Sabine Hornig, Christian Jankowski, Michael Just, Philipp Lachenmann, Albrecht Schäfer und Thomas Struth. Auf unterschiedliche Weise setzen sich diese Künstler mit kultureller Identität, Exilerfahrungen und Phänomenen der Pop- und Massenkultur auseinander. Begleitet wird die Schau von einem umfassenden Rahmenprogramm aus Konzerten, Filmvorführungen, Performances und Gesprächen ehemaliger Stipendiaten. Den Auftakt von »Checkpoint California« bildet eine ambivalente Hommage an Hollywood: Für ihre Installation »Stars (Politics of Selection — Blanks/Shifter)« fotografierte Peggy Buth noch nicht vergebene Sterne auf dem Walk of Fame. Auf 183 Schwarz-Weiß-Fotografien und in einer Projektion zeigt sie die unbeschrifteten, mit Graffiti versehenen oder bereits verwitternden Bodenplatten. In ihrer Serialität macht die Arbeit die erbarmungslose Mechanik der Traumfabrik sichtbar. Zugleich wirken die Stars wie Platzhalter für unerfüllte Hoffnungen.

Thomas Struths Fotoarbeiten »Mountain, Anaheim 2013« und »Research Vehicle, Armstrong Flight Research Center, Edwards 2014« beleuchten zwei Phänomene, die unser Bild von Kalifornien prägen: Disneyland steht für die Unterhaltungsindustrie, das Neil A. Armstrong Luftfahrt Forschungszentrum für Raumfahrt und High-Tech. Struth betrachtet beides als »materialisierte und skulpturale Erzeugnisse von Gedanken«, in denen Träume und Utopien sichtbar werden.

In den frühen 1960er-Jahren verkörperten die Beach Boys das unbeschwerte Lebensgefühl der West Coast: Mit Hits wie »California Girls« oder »Surfin’ U.S.A.« beschworen sie die Sehnsüchte der amerikanischen Mittelschichtjugend. Michael Justs Serie »Al, Dennis, Brian, Carl and Mike performing “Don’t Worry, Baby”« scheint das Umschlagen dieser Träume in einen Alptraum vorwegzunehmen: Einige Bandmitglieder verloren sich in Drogenexzessen und Psychosen und standen in Kontakt mit dem Sektenführer Charles Manson. Michael Justs Bilder ähneln verblichenen Schwarz-Weiß-Aufnahmen, die einen Kontrapunkt zu den glatten, optimistischen PR-Fotos der Band setzen.

Silbrig schimmert der gestische Pinselstrich auf Philipp Lachenmanns zweiteiliger installativer Arbeit »Mirror Series (Brushstroke)«. Die monochrome Fläche gleicht einer Leerstelle, der Ghettoblaster schweigt; zunächst. Über Kopfhörer ist Georges Perecs Hörspiel »Die Maschine« (1968) hörbar, das Goethes Gedicht »Wandrers Nachtlied« aufgreift. In der Zusammen- und Gegenüberstellung eröffnet Lachenmann einen Diskurs über Zeichen und Erzählung, Differenz und Übersetzung.

Transit, die Unbeständigkeit, der globalisierte Handel, das Reisen zwischen den Welten — das sind Themen der Skulptur »Fluffing the Pillows (Mooring, Silos, Gurney)« der iranischen Künstlerin Nairy Baghramian. Die »Moorings« betitelten Objekte gleichen den Haken an den Kränen, mit denen Schiffscontainer verladen werden, während die amorphen, mit Mineralwolle und ausgehärteter Baumasse gefüllten Silos an Säcke zum Warentransport erinnern.

Sabine Hornigs Fotoarbeiten spielen mit Wahrnehmung und Realität. In ihren Aufnahmen von Schaufensterscheiben, in denen sich Straßen und Häuser spiegeln, überlagern sich Innen- und Außenraum — ein komplexes Vexierspiel aus Blick, Durchblick, Reflexion. In »Spilled Light« begegnen sich Berlin und Los Angeles: Während die Fotografien Straßen in der deutschen Hauptstadt zeigen, erinnert die Form der Installation an die typisch kalifornischen Patios mit ihren Schiebetüren.

Minimalistisch streng und zugleich spielerisch markieren Albrecht Schäfers Würfelketten mit Buchstaben und Farben den Raum wie grazile Säulen Richtung californian blue sky. Die Farbtöne der Würfel von »Atelierwand« entsprechen jedoch den Hell- und Dunkelwerten des sich ständig verändernden Lichts im Arbeitsraum. An unsichtbaren Fäden schraubt sich »Das Notizbuch vom Kiefernwald« basierend auf einem Text des französischen Lyrikers Francis Ponge in den Himmel. Das europäische Gepäck wird am »Checkpoint California« nicht abgegeben.

Marcel Duchamp, Arnold Schönberg und Frank Lloyd Wright gehörten zu den Teilnehmern des »Western Round Table on Modern Art«, den die California School of Fine Arts 1949 organisierte. Nach dem Zusammenbruch der modernen Utopien diskutierten dort — damals ausschließlich Männer — über die Zukunft der Kunst. Dieses Symposium inspirierte Rosa Barba zu ihrer Installation »Western Round Table«, in der zwei Projektoren miteinander kommunizieren.

Die Macht der Bilder — darum geht es in Christian Jankowskis Film »16 mm Mystery«, den er mit technischer Unterstützung von Special Effects-Profis realisierte. Mithilfe eines Projektors und eines geheimnisvollen Films bringt der Protagonist in Los Angeles einen Wolkenkratzer zum Einsturz. Angesiedelt an den Schnittstellen zwischen Konzept, Kunstbetrieb und Unterhaltungsindustrie hinterfragt »16 mm Mystery« die Mythen von Hollywood ebenso wie die Bilder, die sich in unseren Köpfen festsetzen — ob sie nun aus dem Kino, der Kunst oder von realen Katastrophen stammen.

Kuratiert von Dr. Hans-Jörg Clement, Prof. Dr. Laurence A. Rickels und Dr. Alexandra von Stosch

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Galerie

Nairy Baghramian: Fluffing the Pillows E (Mooring, Silos, Gurney), 2013 © Courtesy of the artist and the Galerie Buchholz

Katalog

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"Checkpoint California - 20 Years Villa Aurora in Los Angeles" 12.-28.6. 2015

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