Kunsthalle

Der japanische Künstler Koki Tanaka bezieht sich auf die Geschichte des „Kunst-Aktivismus“ und bezeichnet seine Arbeit als eine sanfte, aber nachhaltige Annäherung an diese Bewegung. „A Vulnerable Narrator“, seine Ausstellung als „Künstler des Jahres“ 2015 in der Deutsche Bank KunstHalle, gleicht einer Werkstatt, die Projekte, Ideen und Dokumente aus fast einem Jahrzehnt miteinander verknüpft. Sie dokumentiert den Weg von Tanakas frühen Experimenten mit Massenprodukten und Materialien bis zu seinen späteren Gemeinschaftsaktionen und Performances. Tanakas Videos wie „Everything Is Everything“ (2006) oder „Walking Through“ (2009) erinnern an Versuchsreihen, in denen er Billigwaren aus Haushaltswarenläden und Baumärkten verschiedenen Tests unterwirft. Die Gegenstände, die er zweckentfremdet oder miteinander kombiniert, gleichen improvisierten, minimalistischen Skulpturen. Doch vor allem interessiert Tanaka die Frage, mit welcher Sensibilität und Offenheit wir vertraute, alltägliche Dinge wahrnehmen und wie wir eine neue Beziehung zu ihnen entwickeln können. Diese Fragestellung erweitert er 2010 mit der Performance „A Haircut by 9 Hairdressers at Once“ auf zwischenmenschliche Beziehungen und Aktionen: Neun Friseure sollen gemeinsam einer Kundin ihre Wunschfrisur schneiden – ein fast aussichtsloses Unterfangen, das zugleich aber auch an den von Joseph Beuys geprägten Begriff der „Sozialen Skulptur“ denken lässt.

„Precarious Tasks“ nennt Tanaka seine Gemeinschaftsaktionen, mit denen er ab 2012 beginnt: Die Teilnehmer erhalten poetisch anmutende Anweisungen, als Gruppe ganz einfache Handlungen auszuführen. Damit untersucht Tanaka weiter die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten gemeinsamen Handelns. Als 2011 die Atomkatastrophe von Fukushima die Welt erschüttert, bekommt das Alltägliche unweigerlich eine politische Dimension. Die Anweisung, mitgebrachte Teebeutel in einer Kanne aufzubrühen und dann gemeinsam zu trinken, die Tanaka ein Jahr später für „ Communal tea drinking“ stellt, gleicht einer Vertrauensfrage: Ein großer Teil der japanischen Teeernte aus den Anbaugebieten 200 km südwestlich von Fukushima ist seit 2011 radioaktiv kontaminiert.

Der 1975 in Tochigi, Japan, geborene Künstler bezieht sich in seinen Aktionen häufig auf die gesellschaftliche Situation in seinem Heimatland. Doch stets reagiert er auf den Ort, an dem die Aktion stattfindet. So auch in London, wo er mit einer Gruppe die Wegstrecken noch einmal nachläuft, die Bewohner während der Unruhen 2011 durch die brennenden Vororte nehmen mussten, um nach Hause zu gelangen. Ganz egal, ob er die Teilnehmer auffordert, im Dunklen ihre Taschenlampen zu schwenken oder gemeinsam 24 Stunden in einer Galerie zu verbringen – immer haben die Aufgaben auch eine allgemeine Bedeutung: Tanaka stellt die Frage, wie wir uns im Ausnahmezustand verhalten, was wir tun, wenn die Lage „prekär“ wird, technische und soziale Systeme versagen und wir zusammen mit anderen etwas lösen müssen. Genau darin liegt auch das utopische Potenzial dieser Aufgaben – alternative, sozialere Formen von Gemeinschaft nicht nur zu erträumen, sondern auch erfahren zu können.


Künstler des Jahres

Nach Wangechi Mutu (2010), Yto Barrada (2011), Roman Ondák (2012), Imran Qureshi (2013) und Victor Man (2014) ist Koki Tanaka der sechste „Künstler des Jahres“ der Deutschen Bank. Die Auszeichnung richtet sich an aktuelle Künstler, die bereits ein substanzielles Werk geschaffen haben, in dem auch Papier oder Fotografie eine Rolle spielen. Im Fokus stehen Positionen, die gesellschaftliche Themen auf individuelle Weise ansprechen und formal neue Wege beschreiten. Zugleich würdigt die Auszeichnung Impulse, die aus den neuen Kunstzentren in Afrika, Asien, Südamerika oder Osteuropa kommen. Fest im Kunstprogramm der Deutschen Bank verankert, ist sie nicht mit einem Geldpreis dotiert. Stattdessen setzt sie auf Vermittlung von Gegenwartskunst und Ankäufe von Arbeiten für die Unternehmenssammlung. Höhepunkt ist die Einzelausstellung des „Künstlers des Jahres“ in der Deutsche Bank KunstHalle, die von einem Katalog begleitet und anschließend in weiteren internationalen Museen präsentiert wird. Zusätzlich realisiert der Künstler eigens für diesen Anlass eine Edition. Ausgewählt werden die Künstler im Rahmen des Global Art Advisory Council der Deutschen Bank, dem die renommierten Kuratoren Okwui Enwezor, Hou Hanru, Udo Kittelmann und Victoria Noorthoorn angehören.

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Galerie

Koki Tanaka From the series: Process of Blowing Flour, four-part series, 2010 Performance, Fotografie Foto: Tomo Saito © Courtesy of the artist, Vitamin Creative Space, Guangzhou and Aoyama Meguro, Tokyo

Katalog

Begleitend zur Ausstellung erscheint der Katalog »Precarious Practice« mit Beiträgen von Doryun Chong, Britta Färber und Hou Hanru sowie Texten des Künstlers. (Deutsch und Englisch, € 39)

Video

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